Der Normsturz

NormsprungUm verschiedene Seile in einem einheitlichen Prüfverfahren zu testen, sie untereinander zu vergleichen und Rückschlüsse auf deren Festigkeit und Qualität ziehen zu können, gibt es den Normsturz nach EN 892. Nach dieser Europäischen Norm (EN) müssen Einfachseile mindestens fünf Normstürze unter definierten Bedingungen aushalten. Kaufst du dir nun ein neues Seil, dann nützt dir die Information auf dem Beipackzettel wenig, wenn du nicht weißt, was ein Normsturz überhaupt ist. Bei modernen Seilen sind 12-13 Normstürze übrigens keine Seltenheit mehr. Die Anzahl der Normstürze ist also ein wichtiges Qualitätsmerkmal für Kletterseile. Deshalb gibt es im Folgenden eine kleine Erläuterung zum Normsturz.

Bevor ein Seil reißt, muss es aktuell 5 Normstürze aushalten. Die definierten Bedingungen dabei sind Temperatur, Luftfeuchtigkeit und ein standardisiertes Prüfverfahren. Wenn ein Seil 10 Normstürze und mehr halten kann, redet man von einem Multisturzseil.
Bei einem Normsturz wird ein Gewicht, je nach Seiltyp (Vollseil, Halbseil, Zwillingsseil) unterschiedlich, in 2,80m ausgegebenes Seil fallen gelassen. Das Seil wird über einen Karabiner umgelenkt. Dieser Karabiner befindet sich 30cm nach dem Punkt, an dem das Seil fixiert ist. Es ergibt sich also folgende Reihenfolge: Fixpunkt (statisch gehaltener Sturz), bei 30cm der Umlenkkarabiner, bei 2,80m das Gewicht. Dieses wird nun 2,30m hoch über den Umlenkpunkt gezogen und von dort fallen gelassen. Die Fallhöhe ohne Seildehnung beträgt 4,80m. Wenn man nun die Fallhöhe durch die ausgegebene Seillänge teilt, erhält man den Sturzfaktor. Bei einem Normsturz beträgt dieser immer 1,71. Dieser Sturzfaktor ist so extrem, dass er in der Praxis fast nicht zu erreichen ist. Für den Kletteralltag sind derartige Prüfungen also relativ nebensächlich, da es kaum zu so harten Stürzen kommt. Im Sportkletterbereich bleibt der Sturzfaktor immer unter 1.

Die Härte eines Sturzes wird durch den Fangstoß gemessen. Der Fangstoß ist die Kraft, die beim stoppen eines Sturzes auf den Stürzenden einwirkt und wird in Kilonewton (kN) angegeben. Auch der Fangstoß ist nach EN 892 für jeden Seiltyp bestimmt und darf nicht überschritten werden.

Folgende Faktoren bestimmen die Fangstoßkraft:

  • Das Seil – je dynamischer das Seil ist, desto mehr Energie wird vom Seil aufgenommen und umso geringer der Fangstoß. Trotzdem sind der Dynamik Grenzen gesetzt, denn du willst sicher nicht vom fünften Haken noch auf dem Boden aufschlagen. Die Flexibilität eines Seils sinkt mit der Dauer des Gebrauchs. Sehr dynamische Seile verbrauchen sich schneller, sind aber besser im Handling.
  • Die Art der Sicherung – dynamisch oder fixiert. Beim Normsturz wird das Seil fixiert, optimale Laborbedingungen. In der Praxis wird dynamisch gesichert. Dadurch verringert sich der Fangstoß.

Fallgewichte und maximale Fangstoßkräfte nach Seiltyp gemäß EN 892:

  • Einfachseil: Gewicht 80kg, Test am Einfachstrang, mindestens 5 Stürze müssen gehalten werden, maximal zulässiger Fangstoß beim ersten Sturz 12 kN.
  • Halbseile: Gewicht 55kg, Test am Einfachstrang, mindestens 5 Stürze müssen gehalten werden, maximal zulässiger Fangstoß beim ersten Sturz8 kN.
  • Zwillingsseile: Gewicht 80kg, Test am Doppelstrang, mind. 12 Stürze müssen gehalten werden, max. zulässiger Fangstoß beim ersten Sturz 12 kN.

0 Gedanken zu „Der Normsturz

  1. Peter

    Hallo Zusammen,

    wir hatten im Bekanntenkreis die Frage, welche Zerreißkräfte im Seil auftreten, wenn ich eine Halbseil doppelt nehme und sich eine Person mit 90 Kilo daran abseilt.
    Ein Statiker in unserer Runde behauptete das sich durch das doppelt nehmen die Kraäfte halbieren.
    Ich bin der Meinung 90 Kilo bleiben 90 Kilo und am Umlenkpunkt wird das seil eben mit eben diesem Gewicht mindestens belastet.
    Die Frage trat auf, ob es reicht für Skitouren zum Ablassen nur ein 6 mm Prusikseil nitzunehmen.
    Könnt ihr mir die Frage Beantworten?

    Gruß

  2. Frank

    Zwei Seile = halbe Dehnung, richtig. Deshalb werden zum Beispiel beim Eisklettern in die Sicherungen immer nur ein Seil eingehangen – so wird eine höhere Dehnung erreicht und die Belastung am Sicherungspunkt verkleinert.

    Prinzipiell kann man sich an einem 6mm Seil abseilen, das Händling ist das Problem, deshalb ist der kompromiss 7,5 besser.

    Viele Grüsse

  3. Andreas

    Zu der Frage:
    Am Umlenkpunkt wirken in dem beschriebenen Fall die 90 kg (auf den Haken und evtl. sogar auf das im Haken geknickte Seil!), an jedem der zwei Seilstränge wirken 45 kg. Da das Seil an dem du dich abseilen möchtest sowieso mehrere 100 kg aushalten wird (hoffe ich jedenfalls) ist es nur eine Frage des handlings.

  4. aerrtrtr

    Rein physikalisch gesehen wirken an beiden Seilsträngen je 45kg. Auch im Haken sind es nicht mehr als 45kg. Abweichend von der Theorie können sich durch den kleinen radius jedoch sicher mehrbelastungen ergeben.