Tourenbericht Berner Oberland und Wallis

Dom 4545m, Wallis, Ausgangsort Zeltplatz Randa (1407m)
Route Festi-Grat WS+/II (NW-Grat) Tourenbericht

Bild 21Ein fauler Ruhetag, an dem wir lediglich noch einmal die Lose Rolle an einem Felsblock auf dem Campingplatz übten, folgte. Durch den Niederschlag in den Tagen vor unserer Nadelhorn Besteigung, waren die Verhältnisse an dem eigentlichen Hauptziel unserer Bergfahrt schlecht, d.h. die Besteigung des Weisshorns (4505m) rückte erst einmal in ungewisse Zukunft. Stattdessen entschieden wir uns für den, schon vom Nadelhorn aus betrachteten, Dom (4545m). So nehmen wir am Nachmittag des 27.8.´04 den Aufstieg zur Domhütte (2940m), direkt vom Zeltplatz aus, in Angriff. Die rund 1600Hm die es dabei zu überwinden gilt, sind in 4h runter gerissen und so quartieren wir uns in der gerammelt vollen Hütte irgendwie ein. Viel schlafen können wir nicht, denn entgegen allen Regeln ist ja doch erst gegen 24.00Uhr Ruhe, von den ganze Wälder abholzenden Kameraden mal abgesehen. Nur eine Stunde später, um 1.00Uhr morgens, machen sich die ersten schon wieder abmarschbereit und rascheln und klappern. Wenn das mal keine richtige Hüttennacht ist!
Bild 10Um 3.00Uhr schälen auch wir uns aus unseren Hüttenschlafsäcken, frühstücken und machen uns fertig. Die meisten Bergsteiger sind an diesem Morgen schon aufgebrochen und so folgen wir einem langen Wurm aus Lichtern, der sich erst über eine Moräne und dann über einen Gletscher, hinauf zu einer Felspassage (III) aufs Festijoch, zieht. Vom Gletscher aus betrachten wir die Kletterer. Plötzlich laute Rufe! Steine! Steine! Die Kletterer im unteren Wandteil versuchen Schutz zu suchen, doch einer schafft es nicht. Schreie sind zu hören. Laute, eindringliche Schreie! Mir läuft es eiskalt den Rücken runter…
Bild 11Es schließt sich eine kleine Rettungsaktion an, bei der der Verletzte den unteren Wandteil hinunter abgeseilt wird. Der nicht einmal behelmte Glückspilz ist mit einem Rippenbruch und einer dadurch bedingten Verletzung der Lunge davongekommen. Er hätte genauso gut tot sein können.
Frierend und die Moral suchend, sitzen wir unterm Einstieg in die Felspassage. Wir halten es für angebracht zu warten bis sich der obere Wandteil leert, so dass uns nicht auch noch jemand ein paar Brocken auf die Köpfe wirft.
Nun doch wieder der Anziehungskraft des Gipfels erlegen, machen wir uns die Wand hoch und erblicken Bild 27vom oberen Ende, dem Festijoch, aus, das erste Mal den Festigrat. Einige Gipfelstürmer beklettern ihn schon. Steil und eisig geht´s zur Sache. Aus Zeitgründen steigen wir die ersten Meter jeder für sich. Die Bedingungen sind gut, aber dennoch nicht ganz einfach, denn an manchen Stellen ist das teils sehr harte Eis unterhöhlt. Wir steigen vorsichtig und suchen unseren Rhythmus. Die Waden beginnen zu brennen, doch noch ist es weit bis zum nächsten, natürlich gegebenen Rastpunkt. Ich balanciere gerade auf meinen Frontzacken herum und versuche eine der gefährlich dünnen Eisplatten hinter mir zu lassen, als mein Spetzl von oben runter schaut: „Ach du scheiße! Da unten macht grad einer die Wand runter!“ sind seine trockenen Worte. Ich schaue durch meine wackeligen Beine hindurch, die steile, schräg unter uns liegende Eiswand herunter. Da rutscht tatsächlich einer runter. Bevor ich selbst noch hinterher mache, steige ich Bild 28vorsichtig weiter zu meinem Kameraden, setze mich zu ihm und schaue verdutzt hinunter zu dem liegen gebliebenen, sich nun nicht mehr bewegenden Körper. Wir sind beide still und hoffen… Doch da, er bewegt sich, schüttelt sich und steht langsam auf. Erleichtert, dass ihm trotz des 200m Absturzes nichts passiert scheint, steigen wir weiter und versuchen die weiter oben kletternden Gefährten einzuholen. Sie befinden sich schon am steilsten Stück des Grates. Wir beginnen zu sichern. Mit kalten Fingern drehen wir Eisschrauben ins gefrorene Nass, bauen Standplätze, sichern, bauen ab, steigen hinterher…
Nun folgt lediglich der Ausdauer- und Schweinehundüberwindungsteil. Die Höhe, immerhin schon über Bild 94200m, macht ein wenig zu schaffen und zwingt uns des Öfteren zu kleinen Verschnaufpausen. Doch bald haben wir auch den letzten Aufschwung überwunden und treten, gegen 10.30Uhr, langsam dem Gipfelkreuz näher. Wir freuen uns angekommen zu sein, wünschen uns Bergheil und nippen auch sofort an dem uns, von tschechischen Bergfreunden, angebotenen, Taschenrutscher. Gegenseitig schießen wir, den Gipfelerfolg beweisende, Gruppenfotos und genießen gemeinsam die Aussicht auf die grandiose Bergwelt der Alpen.
Doch es hilft nichts, der Aufstieg ist immer nur die halbe Miete und so beginnen wir den Abstieg über die Nordflanke, den Normalweg. Dieser zieht sich elend lang über die Gletscherhänge hinunter und erfordert noch einmal viel Kraft. Die Sonne steht im Zenit und wir schmelzen in der Hitze fast dahin. Erstaunt treffen wir den zuvor abgerutschten Schweizer Bergkameraden an. Er lässt sich nicht vom Berg unterkriegen, sagt er und gibt an, Glück gehabt zu haben. Ein, zwei Kratzer an der Wade, ansonsten, so Bild 26versichert er uns, sei alles in Ordnung. Voller Bewunderung seines Willens verabschieden wir den alten Gesellen und reden während des weiteren Abstiegs noch viel über ihn. Wir kommen an der Hütte an. Viele Gipfelsieger sind schon wieder da und ruhen ein wenig aus. Wir erfahren, dass der an den Rippen und Lunge Verletzte, per Helikopter ins Krankenhaus geflogen wurde und es ihm, den Umständen entsprechend, gut geht.
Auch wir ruhen uns ein wenig aus, aber packen wie gewohnt den Rucksack neu und steigen die zweiten 1600Hm ins Tal ab. Völlig gerädert von den heutigen 4800 im Auf- und Abstieg bewältigten Höhenmetern schleppen wir uns schon fast die letzten Meter zu unseren Zelten und entledigen uns unserer Rucksäcke. Wir genießen eine heiße Dusche, leckeres Abendbrot vom Kocher und ein letztes gemeinsames Feierabendbier, denn morgen muss uns einer der Kameraden, nach Hause, verlassen.

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