{"id":16,"date":"2003-10-29T15:51:50","date_gmt":"2003-10-29T13:51:50","guid":{"rendered":"http:\/\/kvfl.com\/die-taktik-des-hoehenbergsteigens\/16\/"},"modified":"2003-10-29T15:51:50","modified_gmt":"2003-10-29T13:51:50","slug":"die-taktik-des-hoehenbergsteigens","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kvfl.com\/blog\/die-taktik-des-hoehenbergsteigens\/16\/","title":{"rendered":"Die Taktik des H\u00f6henbergsteigens"},"content":{"rendered":"<div class=\"divalignright\">\n<h2>Notfalltherapie bei H\u00f6henkrankheiten<\/h2>\n<p><strong>Abstieg:<\/strong> bestm\u00f6gliche Therapieform f\u00fcr alle Formen der H\u00f6henkrankheiten<br \/>\n<strong>Dexamethosan:<\/strong> Cortisonpr\u00e4perat, das bei einem H\u00f6henhirn\u00f6dem eingesetzt werden kann<br \/>\n<strong>Nifedipin retard:<\/strong> Blutdrucksenkendes Mittel, das bei H\u00f6henlungen\u00f6dem eingesetzt werden kann<br \/>\n<strong>Sauerstoff:<\/strong> zeitlich begrenztes Medikament f\u00fcr alle Formen der H\u00f6henkrankheit<br \/>\n<strong>\u00dcberdrucksack:<\/strong> Polyamidsack, in dem \u00dcberdruck von 220mbar (\u00e4hnlich dem Abstieg um 2500 &#8211; 3500m) erzeugt wird, zeitlich unbegrenzt f\u00fcr alle Formen des H\u00f6henbergsteigens<br \/>\n<img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/kvfl.com\/bilder\/hoehenbergsteigen\/ueberdrucksack.jpg\" alt=\"\u00fcberdrucksack\" \/><\/div>\n<blockquote><p>\nEiner der Hauptreize von Expeditionen ist das Erlebnis von H\u00f6he. Die richtige Akklimatisation z\u00e4hlt dabei zu den wichtigsten Voraussetzungen f\u00fcr das Gelingen einer Expedition oder Trekkingtour. Wie Sie sich vor den Folgen des Sauerstoffmangels am besten sch\u00fctzen k\u00f6nnen verr\u00e4t Ihnen Thomas L\u00e4mmle.<\/p><\/blockquote>\n<p><cite>(Archiviert aus DAV Panorama 6\/2001)<\/cite><\/p>\n<p>Ein rascher H\u00f6henaufstieg, zum Beispiel durch eine Seilbahn-auffahrt oder einen Druckabfall im Flugzeug, kann bereits ab 1500 Meter zu messbaren Funktionsbeeintr\u00e4chtigungen komplexer Gehirnfunktionen f\u00fchren. Bei raschem Aufstieg auf 4000 Meter treten Schwindel, Herz- und Atemst\u00f6rungen, ab circa 5000 Meter Gleichgewichtsst\u00f6rungen und Sehverminderung auf. Ab 6000 Meter muss man mit Bewegungsst\u00f6rungen, Kr\u00e4mpfen und Bewusstlosigkeit rechnen. Oberhalb von 7000 Meter werden rund 80 Prozent, auf Everesth\u00f6he (8850 Meter) praktisch 100 Prozent der Menschen innerhalb von zwei bis drei Minuten bewusstlos und sterben kurz darauf. Ein sehr schneller Aufstieg in gro\u00dfe H\u00f6hen ist also stets ein lebensbedrohliches Ereignis. Je langsamer dagegen ein H\u00f6henaufstieg erfolgt, desto eher kann sich der Organismus an den herrschenden Umgebungsdruck anpassen und desto l\u00e4nger ist ein \u00dcberleben in gro\u00dfen H\u00f6hen m\u00f6glich.<\/p>\n<p>Hinsichtlich der Akklimatisationsgeschwindigkeit und H\u00f6hentoleranz bestehen gro\u00dfe individuelle Unterschiede. Einige Menschen passen sich sehr schnell an, andere dagegen einwickeln unter gleichen Bedingungen eine akute H\u00f6henkrankheit bzw. ben\u00f6tigen mehr Zeit bis zum Erreichen der vollst\u00e4ndigen Akklimatisation. Nur sehr wenige Menschen sind nicht in der Lage, sich der H\u00f6he, sprich dem verminderten Sauerstoffpartialdruck, anzupassen. Im Grunde genommen besitzt jeder Mensch diese F\u00e4higkeit, vorausgesetzt er hat ausreichend Zeit zur Verf\u00fcgung.<\/p>\n<p>Halten Sie oberhalb von 2.500 bis 3.000 Meter die taktischen Regeln des H\u00f6henbergsteigens konsequent ein, um eine gesundheitliche Gef\u00e4hrdung durch akute H\u00f6henkrankheit zu verhindern! H\u00f6henmediziner betonen, dass schwere Formen der akuten H\u00f6henkrankheit mit konsequenter H\u00f6hentaktik absolut vermeidbar sind. In den &#8222;10 goldenen Regeln des H\u00f6henbergsteigens&#8220; (L\u00e4mmle 2000) wird das richtige taktische Verhalten in gro\u00dfen und extremen H\u00f6hen in Kurzform erl\u00e4utert.<br \/>\n<!--more--><br \/>\n<strong>1. Gehen Sie nicht zu schnell zu hoch!<\/strong><br \/>\nDas entscheidende Kriterium jeder H\u00f6henanpassung ist die Geschwindigkeit, mit der Sie einen bestimmten H\u00f6henunterschied \u00fcberwinden. Bevorzugen Sie daher aktive Aufstiege zu Fu\u00df (anstatt passive Aufstiege wie z. B. das Aufsteigen mit dem PKW oder Hubschrauber). Eine allgemeine Faustregel zur Aufstiegsgeschwindigkeit lautet: &#8222;In H\u00f6hen \u00fcber 2500 Metern treten seltener Beschwerden auf, wenn die Schlafh\u00f6he um nicht mehr als 600 H\u00f6henmeter pro Tag gesteigert wird.&#8220;<\/p>\n<p><strong>2. Achten Sie auf Ihre Schlafh\u00f6he!<\/strong><br \/>\nEntscheidend f\u00fcr die Akklimatisation ist die &#8222;Schlafh\u00f6he&#8220;. Diese sollte immer so tief wie m\u00f6glich, zumindest aber tiefer als die maximale Tagesh\u00f6he liegen. Auf Hochtouren angewendet bedeutet dieser Grundsatz, bei Ankunft in einem Lager dieses nicht sofort zu beziehen, sondern nach einer Rast, langsam und ohne Gep\u00e4ck nochmals ca. 30 Minuten aufzusteigen und erst danach zum Lager zur\u00fcckzukehren. Beim Aufbau von Hochlagern \u00fcber 5000 Metern sollten Sie diese erst nach zweimaligem Erreichen &#8211; besser \u00dcberschreiten &#8211; der Lagerh\u00f6he beziehen!<\/p>\n<p><strong>3. Beobachten Sie ihre Herzfrequenz und lassen Sie sich Zeit!<\/strong><br \/>\nDie Kontrolle der morgendlichen Ruheherzfrequenz (im Liegen, nach dem Aufwachen) ist der Parameter, der einem zuverl\u00e4ssig Auskunft zum pers\u00f6nlichen Akklimatisationsstand liefert. Ist die Herzfrequenz um mehr als 20 Prozent gegen\u00fcber zu Hause erh\u00f6ht, befinden Sie sich in der kritischen Phase der Akklimatisation. In dieser Phase muss der K\u00f6rper unbedingt geschont werden, wenn Sie eine H\u00f6henkrankheit vermeiden m\u00f6chten. Grunds\u00e4tzlich gut: &#8222;Gehen Sie langsam und tragen Sie kein schweres Gep\u00e4ck!&#8220; Die richtige Belastungsherzfrequenz beim Trekking sollte nicht \u00fcber 75 Prozent der maximalen Herzfrequenz liegen. Berechnen l\u00e4sst sich dies folgenderma\u00dfen: Belastungsherzfrequenz = 0,75 x (220 minus Lebensalter)<\/p>\n<p><strong>4. Beobachten Sie Ihren Tourenpartner!<\/strong><br \/>\nH\u00f6henbedingte Probleme werden sehr oft ignoriert oder bewusst verschwiegen. Eine der wichtigsten Verhallensregeln bei Gruppenaufenthalten in der H\u00f6he lautet daher:<br \/>\n&#8220; Beobachten Sie Ihren Tourenpartner und sprechen Sie ihn bei Verdacht auf akute H\u00f6henkrankheit an!&#8220; Alarmzeichen sind pl\u00f6tzlicher Leistungsabfall, starke langandauernde Kopfschmerzen sowie Gang- und Stehunsicherheit.<\/p>\n<p><strong>5. Steigen Sie bei H\u00f6henkrankheit sofort ab!<\/strong><br \/>\nBei den ersten Anzeichen einer schweren H\u00f6henkrankheit (s.o.) ist der sofortige Abstieg in tiefere Lagen die bestm\u00f6gliche Therapie. Eine Studie von ZINK zeigt, dass H\u00f6henlungen\u00f6dem-Kranke, die in der H\u00f6he versorgt wurden, 15 mal h\u00e4ufiger verstarben, als diejenigen, die sofort abtransportiert wurden. Bei unklaren, schweren Formen der H\u00f6henkrankheit k\u00f6nnen Sie zur Unterst\u00fctzung der Therapie und zur \u00dcberbr\u00fcckung bis zum Abstieg folgende Kombinationstherapie anwenden: DEXAMETHASON + NIFEDIPIN retard + SAUERSTOFF\/ \u00dcBERDRUCKSACK<\/p>\n<p><strong>6. Achten Sie auf ihre Gesundheit!<\/strong><br \/>\nDie gr\u00f6\u00dfte Herausforderung einer Expedition ist, gesund das Basislager zu erreichen. Das Infektionsrisiko bei H\u00f6henaufenthalten ist erh\u00f6ht. Schutz vor Durchfallerkrankungen bietet nur das strikte Einhalten hygienischer Mindeststandards. Waschen Sie unbedingt Ihre H\u00e4nde vor dem Essen und beachten Sie den Leitspruch: &#8222;Koch es, sch\u00e4l es oder vergiss es!&#8220; Atemwegserkrankungen k\u00f6nnen Sie durch Feuchthalten der Schleimh\u00e4ute mit einem Tuch vor dem Mund und mit regelm\u00e4\u00dfigem Lutschen von Pastillen\/ Bonbons vermeiden.<\/p>\n<p><strong>7. Trinken Sie viel!<\/strong><br \/>\nDie h\u00f6henbedingte Mehratmung in Verbindung mit der kalten und trockenen Luft im Gebirge f\u00fchrt zu einem verst\u00e4rkten Fl\u00fcssigkeitsverlust, der in 4000 &#8211; 8000 Meter bei ca. 3,5l\/24h liegt. \u00dcber Nahrungsmittel und Getr\u00e4nke sollte diese Fl\u00fcssigkeitsmenge t\u00e4glich zugef\u00fchrt werden, sonst droht Dehydration und in deren Folge ein Leistungsabfall sowie ein erh\u00f6htes Risiko f\u00fcr Thrombosen\/ Embolien und Erfrierungen.<\/p>\n<p><strong>8. Halten Sie sich nicht zu lange in extremen H\u00f6he auf!<\/strong><br \/>\nDie &#8222;magischen&#8220; Grenzen im H\u00f6henbergsteigen sind die H\u00f6henstufen von 8.000 und 5.500 Metern (Akklimatisationsgrenze).Nur bis in eine H\u00f6he von ca. 5500 Meter kann der Mensch auf Dauer leben bzw. sich akklimatisieren. Dar\u00fcber kommt es zu einem stetigen Leistungsabfall (K\u00f6rpergewichts- und Muskelmassenverlust) und in der Folge zum Tod durch Ersch\u00f6pfung. Basislager sollten daher immer unterhalb 5500 Meter angesiedelt werden, dar\u00fcber gilt der Grundsatz: &#8222;Schnelligkeit ist Sicherheit!&#8220;<\/p>\n<p><strong>9. Schlafen Sie gut!<\/strong><br \/>\nExpeditionsbergsteiger haben h\u00e4ufig mit massiven Schlafproblemen in der H\u00f6he zu k\u00e4mpfen. Mit zunehmender H\u00f6he verk\u00fcrzt sich die L\u00e4nge des Schlafs und die Anzahl der Schlafunterbrechungen nimmt zu. Auch tritt das H\u00f6henlungen\u00f6dem vorzugsweise beim Schlafen auf. Eine Irritation des Atemzentrums gilt als Ausl\u00f6ser dieser St\u00f6rung. Schlaf\u00fcberh\u00f6hungen bis maximal 600 H\u00f6henmeter, ausreichende Zeltbel\u00fcftung, Schlafen mit erh\u00f6htem Oberk\u00f6rper und der Verzicht auf Schlafmittel k\u00f6nnen hier prophylaktisch wirken.<\/p>\n<p><strong>10. Planen Sie Ihren H\u00f6henaufenthalt!<\/strong><br \/>\nNur etwa 50 Prozent aller Expeditionen sind erfolgreich. Die Hauptursache f\u00fcr diese niedrige Erfolgsquote ist h\u00e4ufig eine mangelhafte Reiseplanung. Vor allem in vier Bereichen werden immer wieder Fehler gemacht:<br \/>\nReisedauer: Nehmen Sie sich nicht zu viel in zu kurzer Zeit vor!<br \/>\nReisetermin: Beachten Sie die Wetterbedingungen im Zielgebiet!<br \/>\nReiseprogramm: Orientieren Sie sich beim Aufbau des Programms an den Regeln des H\u00f6henbergsteigens!<br \/>\nGruppenzusammensetzung: Lernen Sie ihre Reiseteilnehmer im Vorfeld kennen und stimmen Sie das Reiseziel auf das K\u00f6nnen der Gruppe ab!<\/p>\n<p><strong>Der wichtigste Grundsatz lautet also:<\/strong> Schonen Sie Ihren K\u00f6rper und lassen Sie ihm gen\u00fcgend Zeit, sich an das H\u00f6henklima anzupassen. H\u00f6henkrankheiten sind immer eine Folge von Fehlern in der Anpassungsphase und im taktischen Verhalten in der H\u00f6he. Medikamente, die eine H\u00f6henanpassung ersetzen k\u00f6nnen, gibt es nicht. Wenn Sie die &#8222;10 goldenen Regeln des H\u00f6henbergsteigens&#8220; ber\u00fccksichtigen, k\u00f6nnen Sie ihre Traumtouren in den Bergen der Welt unbeschwert genie\u00dfen.<\/p>\n<h3>Weitere Literatur:<\/h3>\n<ul>\n<li><strong>Thomas L\u00e4mmle, H\u00f6henbergsteigen<\/strong> -Technik, Taktik, Training, 770 Seiten, 162 Abb., Innsbruck 2000.<\/li>\n<li><em>Bezugsquelle:<\/em> Verrechnungsscheck \u00fcber 60,- DM an Thomas L\u00e4mmle, Amselweg 2. 88267 Vogt<\/li>\n<\/ul>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Notfalltherapie bei H\u00f6henkrankheiten Abstieg: bestm\u00f6gliche Therapieform f\u00fcr alle Formen der H\u00f6henkrankheiten Dexamethosan: Cortisonpr\u00e4perat, das bei einem H\u00f6henhirn\u00f6dem eingesetzt werden kann Nifedipin retard: Blutdrucksenkendes Mittel, das bei H\u00f6henlungen\u00f6dem eingesetzt werden kann Sauerstoff: zeitlich begrenztes Medikament f\u00fcr alle Formen der H\u00f6henkrankheit \u00dcberdrucksack: Polyamidsack, in dem \u00dcberdruck von 220mbar (\u00e4hnlich dem Abstieg um 2500 &#8211; 3500m) erzeugt wird, [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[12],"tags":[40,145,146,235],"class_list":["post-16","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein-2","tag-bergsteigen","tag-hoehenbergsteigen","tag-hoehenkrankheiten","tag-oedem"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/kvfl.com\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/16","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/kvfl.com\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/kvfl.com\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kvfl.com\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kvfl.com\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=16"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/kvfl.com\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/16\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/kvfl.com\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=16"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/kvfl.com\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=16"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/kvfl.com\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=16"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}